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Rede anläßlich der Vernissage am 11.05.2007

Susanne Schorr: Video + Performance
Peter Köcher: Malerei
(Temporärer Schauraum / Bexbach, 11.05.-28.07.07)

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Peter Köcher und via Gedankenübertragung auch liebe Susanne Schorr, die hier nicht anwesend sein kann, weil sie sich gerade auf ihren bevorstehenden Beitrag vor­bereitet,

Peter Köchers Galerie kennzeichnen ganz nüchtern betrachtet – und daran wird sich unmittelbar nichts ändern angesichts der Verlagerung des üblichen Um­trunks auf den zweiten Teil der Vernissage im offenen Atelier – ein bemerkens­werter Mut zum Experiment und grundsätzliche Offenheit.

Mehrere Gemeinschaftsausstellungen hat Peter Köcher, der Galerist und Künst­ler in Personalunion ist, bereits ausgerichtet, die ebenso unterschiedliche künst­lerische Positionen wie Techniken zusammengeführt haben. Die Galerie als Ort für dialogisch angeregte und anregende Begegnungen haben Besucher mehrfach schon in den letzten Jahren erleben dürfen, große wie kleine – ich denke da auch an Schulklassen und Kindergartengruppen, die Köcher hier empfing. Und noch in diesem Jahr wird die Galerie sich auch öffnen für potenzielle Künstler von Mor­gen, insofern als Peter Köcher im Rahmen des kre­ativen Sommerferienpro­gramms der Stadt Bexbach den jungen Teilnehmern Einblick in sein Atelier und Gele­genheit für eine Ausstellung im Schauraum ermöglichen wird. Betreuerin dieser Veranstaltung ist niemand Anderes als Susanne Schorr. Über die Kunst kamen Köcher und Schorr jüngst zusammen und auf die Idee, gemeinsam zu wirken. Nicht in erster Linie aber als Kunstvermittler, sondern als Künstler tre­ten beide heute auf: Peter Köcher mit Malerei und Plastik, Susanne Schorr mit Video und Per­formance.

Peter Köchers Bilder leben von starken Kontrasten und sind im Wesentlichen beherrscht von dominanten und ausdrucksstarken Schwarz-, Rot- und Weiß­klängen. Die großformatigen Exponate weisen neben dem schematischen Schattenbild vielsagende Buchstabenfolgen auf. Der Künstler ist mehrfach im Bilde, hat er doch seinen Schatten fotografisch eingefangen, auf die Leinwand gebannt und in die vorgedachte Komposition eingepasst, um diese wiederum in ei­nem kraft­vollen Akt mit Farbe zu überschütten. Das Vorgefasste und Nichtzu­fassende werden künstlerisch vereint. Naturvölker sehen im Schatten das zweite Ich, die eigene Seele. In der Jungschen Psychologie stellt der Schatten symbo­lisch die andere Seite des Individuums dar, die aus Gründen der Anpassung vom Be­wusstsein verdrängt oder ausgeschlossen wurde und ihm aber trotzdem im­mer an den Fersen haftet. Erkenne deinen Schatten also, um dein Selbstbildnis zu vervoll­ständigen.

Das Flächige jedenfalls leugnet das Körperhafte. Da kein Schatten aber ohne Körper und v.a. ohne Licht, gewinnt bei der Werkbetrachtung im Allgemeinen und der Köcherschen im Besonderen die Frage nach dem Standort und Stand­punkt an Bedeutung. Der Schatten als Sinnbild für Standfestigkeit und zugleich für das Transitorische, für das Transzendente? In den neuesten Exponaten Kö­chers verblasst das Schattenbild. Ohne Schatten ist wer Kontakt zur Unterwelt hat oder darin verweilt, wie die alten Griechen glaubten. Ein schattenloses Le­ben bedeutet aber nicht zwangsläufig Verdammnis. Peter Schlemihl – eine Ro­manfigur von Adel­bert von Chamisso (1781-1838) – wird zwar dadurch als Au­ßenseiter von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen, findet aber als der ewig Reisende in der Hinwendung zur Natur noch sein Glück. Dass Köcher gern viel Zeit auf ho­her See verbringt, ist kein Geheimnis. Was es genau mit seinem Schatten auf sich hat? Für eine klare Antwort müsste Köcher schon aus eben jenem heraus­treten.

Energie, nicht zuletzt seine Energie, jedenfalls tritt zu Tage in den ungestüm gestischen und explosiven Farbspuren, die auch die kleinformatigen abstrakten Exponate charakterisieren. Einige Arbeiten weisen auch farbig und formal zu­rückhaltendere Oberflächen auf. Sowohl hier aber als in den turbulenten Formen und Strukturen werden sie anschaulich: die Dynamik und die Spannung, die der Schöpfung ebenso innewohnen wie ihrem Schöpfer.

Mit Dynamik und Spannung arbeitet zweifellos auch die Künstlerin Susanne Schorr, die hierbei nicht auf die traditionell üblichen und bekannten Arbeits­mittel zurückgreift, sondern auf ihren Körper. Schorr hat an der Hochschule für Bildende Kunst in Saarbrücken Performance und Neue Künstlerische Medien studiert. Sie ist seit 2006 Meister­schülerin bei der renommierten Professorin Ul­rike Rosenbach, die sich mit ihren Videoinstallationen und Performances inter­national profilierte. Performance nun ist Aktionskunst, die von einem Einzelnen oder von einer Gruppe vorgeführt werden kann. Es fließen Elemente aus dem expe­rimentellen Theater und dem Tanz ein, wobei der Körper als Ausdrucks- und Gestaltungs­mittel zum Einsatz kommt. Klänge und reproduktive Medien (Film, Video) kön­nen hinzugezogen werden. Die Performance ist auf eine be­stimmte Raumsitua­tion zugeschnitten und lässt sich nicht ohne weiteres überall auffüh­ren. Ein fil­mischer Mitschnitt vermag den flüchtigen Akt zu dokumentie­ren.

Im Schauraum ist Schorr daher vertreten mit dem Video zur Performance „Raumbegehung“ von 2005 sowie einigen Video-Stills (also aus dem Videofilm ausgesonderten Einzelbildern). In „Raumbegehung“ erforscht Schorr unter z.T. höchst akrobatischem Ein­satz ihres Körpers einen leeren Raum als Stellvertreter für den „inneren Raum“. U.a. durch Gehen, Ertasten, Rollen oder Anspringen lotet sie dabei sowohl seine als auch ihre Grenzen aus. Wie auch Köcher schließt Schorr ihren Schatten mit ein. Ihn zu fassen erweist sich als Kraftakt ebenso wie das Angehen wider die Natur. Widerstand bewegt und ist gleichermaßen bewe­gend.

Nachhaltiger noch als im Video aber ist die Wirkung einer Performance im di­rekten Erlebnis, wie Sie noch feststellen werden. Um 20 Uhr wird Schorr näm­lich im offenen Atelier im Steigerweg 15 gemeinsam mit ihren Kolleginnen Seon Yeong I und Yoonhee Ryu die Performance „Weiße Grenze“ aufführen, zu der Sie alle herz­lich und ausdrücklich eingeladen sind. Auch hier wird das Thema „Grenze“ behandelt. Zuviel möchte ich vorab nicht verraten, nur soviel: Grenzen sind stets von zwei Seiten zu betrachten. Von außen und von innen her. Schutz, Rückhalt, Solidarität stehen Offenheit, Unabhängigkeit und Individuali­tät gegenüber. I, Ryu und Schorr setzen sich mit der Flexibilität von Gren­zen, ihrem existenziellen Spielraum sowie ihren ewig konfliktreichen Spannun­gen auseinander.

Peter Köcher wie Susanne Schorr werfen letzten Endes beide die entscheidende Frage nach der Verortung des Einzelnen auf. Wo wir jetzt stehen, ist hingegen klar und eindeu­tig. Wo wir in wenigen Minuten stehen soll­ten, nun ja auch. In diesem Sinne, Bahn frei für die Kunst, viel Spaß auf ihrem Weg und Danke für Ihre Aufmerk­samkeit.

Dr. Françoise J. Mathis-Sandmaier M.A.